WICHTIGES KRISEN-UPDATE

21-Apr-2020

 

Um jetzt die richtigen Entscheidungen zu treffen, brauchen Modeindustrie und
-handel dringend valide Prognosen darüber, wie die Menschen sich nach der Lockerung der Schutzmaßnahmen verhalten.
 
Auf der Suche nach solchen Prognosen hört und liest man immer wieder, der Konsument würde sich in der häuslichen Isolation darauf besinnen, was im Leben wirklich wichtig ist. Dadurch wäre er nach der Quarantäne nicht nur gegen das Virus, sondern auch gegen die materiellen Verlockungen der Konsumgesellschaft immun. Er würde als verantwortungsvoller und vor allem minimalistischer und genügsamer Verbraucher ins öffentliche Leben zurückkehren. Auch Li Edelkoort verbreitet derzeit die Behauptung, die Menschen würden nach der Pandemie wie ausgewechselt sein: Sie würden wieder Bücher lesen, statt Netflix zu gucken; auf Bauernmärkte gehen, statt online zu shoppen; lieber zuhause bei der Familie am Herd stehen, als zu verreisen; handarbeiten, statt sich Sachen zu kaufen...
In einer Situation, in der viele Unternehmen ums Überleben kämpfen, derartige Vorhersagen zu machen, die auf nichts weiter beruhen als auf persönlichem Wunschdenken, zeugt von ganz besonderer Verantwortungslosigkeit.
 
Wir vom DMI kommen, auf der Grundlage der uns vorliegenden Daten und im Austausch mit verschiedenen Ökonomen, zu einer diametral entgegengesetzten Einschätzung:
„An enlightened post-pandemic consumer? Don’t count on it,“ rät zum Beispiel Wall-Street-Veteran Eugene Rabkin und zeigt am Beispiel der Finanzkrise von 2008, wie die Menschen in Krisensituationen nach kurzen Phasen von materiellen Einschnitten oder Konsumscham stets umgehend zu ihrem vorherigen Konsum zurückkehren – insbesondere wenn es um die verführerischen Angebote der Modeindustrie geht.
Ähnlich argumentiert auch Daten-Analyst George Arnett, der zeigt, dass der Konsum auch beim Ausbruch von SARS im Jahr 2003 einen V-förmigen Verlauf nahm – Durch die mit dem Auftreten der Krise verbundene Verunsicherung stürzte der Konsum zunächst steil ab, stieg dann aber ebenso steil wieder an, sogar auf ein höheres Niveau als vorher.
Der Historiker und Wirtschaftsjournalist Ralph Bollmann bestätigt: „Das Virus bremst die Freude am Konsum. Das dürfte kaum von Dauer sein. Wenn die Krise viele Menschen ärmer macht, werden Konsumbedürfnisse wichtiger, nicht unwichtiger.“
 
Einerseits erleiden viele Leute durch die Krise Einkommens- und Vermögenseinbußen. Andererseits sparen sie aber auch viel Geld dadurch, dass kostspielige Urlaubsreisen, Wochenendausflüge, Festivals, Konzerte, Theater, Kino und Restaurantbesuche nicht möglich waren und auch auf absehbare Zeit nicht möglich sein werden. Unsere Korrespondenten berichten aus verschiedenen Ländern übereinstimmend, dass die Menschen jetzt dazu übergehen, genau dieses Geld auszugeben, um sich durch Verwöhn-Konsum so gut wie möglich über die entgangenen Vergnügungen hinwegzutrösten:
Als zum Beispiel die Hermès-Boutique im chinesischen Guangzhou nach monatelanger, Corona-bedingter Schließung am 11. April wiedereröffnete, nahm sie am ersten Tag 2,47 Millionen Euro ein – der höchste Tagesumsatz einer einzelnen Boutique in China.
Auf der chinesischen Mode-Onlineplattform Beyond liegen die Verkäufe nach dem Krisen-bedingten Umsatzeinbruch jetzt 50 bis 70 Prozent über dem Vorjahr. Es werden 2,7 mal so viele Damenhandtaschen und 7,6 mal so viele Herrenuhren verkauft.
Auch in Südkorea ging es in der ersten Aprilwoche mit dem Modekonsum bereits wieder steil bergauf: Die Kaufhauskette Lotte meldete beim Verkauf von internationalen Luxus- und Schmuckmarken einen Anstieg von 5,4 beziehungsweise 27,4 Prozent.
Aber nicht nur beim Luxus zeigen die Menschen Nachholbedarf: Der britische Fast-Fashion-Anbieter Next zum Beispiel hatte seinen Online-Shop nach zweiwöchigem Lockdown am 14. April probeweise wiedereröffnet. Er musste den Verkauf sofort wieder stoppen, weil die Masse der Bestellungen bereits nach 90 Minuten seine Lieferkapazitäten überstieg.

In China hat dieses Phänomen, dass Menschen sich durch Shopping für die zurückliegenden Entbehrungen entschädigen, einen Namen: „baofuxing xiaofei“ oder englisch „revenge buying“. Der Begriff, der jetzt wieder aktuell ist, stammt eigentlich aus den Achtzigerjahren. Damals hatte sich die chinesische Bevölkerung gierig auf westliche Konsumgüter gestürzt, von denen sie vorher jahrzehntelang abgeschnitten gewesen war.
Wir dürfen davon ausgehen, dass die Menschen sich auch bei uns durch Konsum „rächen“ werden, sobald es wieder möglich sein wird, entspannt und genussvoll einzukaufen. Und diese Rache wird süß – nicht nur für die Konsumenten, sondern auch und ganz besonders für den Modehandel und die Modeindustrie.
 
Stay home, stay healthy, stay informed,

Ihr DMI

 

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