AUF DER SUCHE NACH EINER ÄSTHETIK DER NACHHALTIGKEIT

26-Sep-2019

 

PREMIÈRE VISION PARIS, September 2019

 

VISION steht groß im Titel der großen Messe in Paris. Es geht heute für Modemacher nicht mehr um die erste Sicht auf die textilen Dinge. Das erste Zusammentreffen mit Ideen für Kollektionen, Capsules und Drops findet heute viel mehr im permanenten Bilderfluss statt. Wir sind auf der akuten Suche nach visionären Ideen. Das heißt konkret nach Materialien und Produkten, die helfen können, Mode neu zu denken – basierend auf Prinzipien von Nachhaltigkeit.

Wissbegierig auf Gespräche mit Menschen, die an solchen neuen Konzepten arbeiten, bin ich zur Première Vision gereist – vor allem um mehr über die diversen und komplexen Möglichkeiten zum nachhaltigen Gestalten und Produzieren zu lernen.

 

Circulose by Re-newcell, © NHW

 

Im FORUM SMART CREATIONPV erlebe ich erstaunlich viele freundliche und offene Gespräche – bei den Präsentationen von BembergTM by Asahi Kasei, Charle Berlin, Cocccon, Evrnu, Fritsch Färberei, Knopf Budke, Olivenleder, Piñatex, Re:newcell, Hohenstein, Parley for the Oceans, RDD Textiles u. a., … auch mit anderen Besuchern gerate ich dabei in regen Austausch.

Am längsten muss ich auf eine Möglichkeit warten, Stacy Flynn von Evrnu zu treffen – vor sehr vielen Interessierten hält sie einen Vortrag mit Fragerunde zu ihrem Projekt NuCycl – ”a new kind of engineered fiber made from discarded textiles.“

Unser anschließendes Gespräch dauerte dann auch sehr lange, denn es geht um die erste recycelte Baumwollfaser aus PCW (Post Consumer Waste). Also nicht um irgendwelche einfach nachzunutzenden reinen Produktionsabfälle, sondern wirklich Weggeworfenes, das aufwändig sortiert und analysiert werden muss. 95 Prozent muss der Bauwollanteil dafür mindestans betragen, damit das Recyceln funktioniert.

Für eine allererste experimentelle Kooperation von Evrnu entstand aus noch relativ fragilen Fasern ein handgewebter Denim, wie japanischer Raw-Denim, für den Levis® 60.000 Dollar zahlte, um daraus eine Jeans herstellen zu können – eine Ikone für die Zukunft von Mode.

 

Adidas X Stella McCartney, © NHW
 

Vor mir liegt jetzt beim Gespräch ein Hoodie von Stella McCartney X Adidas, der vor kurzem erst vorgestellt wurde. Relativ kompakt und schwer noch, wurde NuCycl hier fully-fashioned jaquard-gestrickt, nur die Kanguru-Tasche ist aufgesteppt. In offwhite wie ungefärbte Baumwolle mit schwarzer Typo. Wieder eine Ikone, diesmal mit deutlicher Relevanz für eine kommerzielle Umsetzung.

Aber Stacy Flynn geht es um mehr als Recycling, um einen ”change of mindsets”: weg vom exzessiven Konsum, der von ”greed and envy“ getrieben ist. Als neues Ideal steht für sie ein Glücksempfinden für wertige nachhaltige Produkte, für Langlebigkeit und Ehrlichkeit. Sie selbst bezeichnet sich als idealistisch und spricht überzeugend vom Möglichmachen. Eine beeindruckende Entwicklungsgeschichte, die Mut macht. Deshalb spricht Stacy Flynn mehrfach im Panel. Wir vereinbaren in Kontakt zu bleiben, denn ArmedAngels aus Köln als mögliche zukünftige Kundin kannte sie noch nicht.

 

Fazit: Es gibt viel Neues, vieles zu Hinterfragen, und die Recherche ist zeitaufwändiger, weil man die neuen, anderen Prozesse verstehen muss. Also Fragen fragen! Wie verhalten sich recycelte Fasern im Vergleich zu solchen aus neuen Rohstoffen? Welche Alt-Textilien lassen sich aktuell wie gut recyceln, also wirklich textil wiederverwerten? Nicht thermisch/energetisch down-cyclen!? Wie viele Zyklen hat das textile Recycling? Funktioniert das überhaupt mit Lycra? Warum geht es nicht nur um Faserlängen, sondern um Molekülketten? Kommt Ocean Plastic wirklich nur aus dem Meer? Und was ist mit Post Consumer Waste?! …

 

Surcyclage exhibition, MERCI Paris, © NHW

 

Ja, es geht auch bei der PV ums Lernen und Entdecken – nicht (nur) um die Suche nach Trends, sondern wirklich Neuland zu betreten. Wir wissen noch erschreckend wenig über das nachhaltige Modemachen. Dazu kommt eine verbreitet skeptische Haltung, nach der Mode und Nachhaltigkeit sich grundsätzlich widersprächen. Diese Haltung ist eine schwerwiegende Folge falscher Perspektiven, ökonomischer wie gesellschaftlicher, die ich hier nicht wiederholen möchte.

Fakt ist: Es existiert keine definitive Regel, der zufolge Mode in der Form von extensiver Fast Fashion eine weltumfassende Perversion der Wegwerfgesellschaft sein muss.

Mode ist – auf der Metaebene als Kulturtechnik verstanden – auf den Körper projizierter Zeitgeist. Kleidung wird erst zu Mode, wenn sie von Menschen getragen und zu ihrer Ausdrucksform wird. Mode kommt als materialisierter Zeitgeist nicht an Nachhaltigkeit vorbei. Nachhaltigkeit fordert Mode heraus: ihre Zukunftsfähigkeit und damit ihre gesellschaftliche Relevanz.

”… If the end of one thing can be the beginning of the next. If we know that less can create more. If we can return, we reciprocate we regenerate. If we are here for others. If we choose belonging. If we can work as a team. All we have to do is connect. And the world opens up. The future’s about giving back. …“

Aus: Adidas [FUTURECRAFT.LOOP] – Made To Be Remade

 

 

 

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