WUNSCH-GEDANKEN

2-May-2019

 

WEIHNACHTSBRIEF 2018

 

Es war zur Weihnachtszeit, als der letzte große Krieg vergessen werden wollte, nicht nur weil er schon mehr als eine Generation zurück lag, auch weil über die Trümmerlandschaften Gras gewachsen und daraus Parkanlagen entstanden waren, so wie die Menschen statt aufgetragener, geflickter Lumpen sich allmählich wieder etwas Neues leisten konnten. Als ich damals ein kleiner Junge war, wurde ich häufig und besonders im Winter in den Keller geschickt, um Kartoffeln oder Marmelade, Brikett oder Kohlen zu holen.

 

Dort stand in einer Ecke auch ein alter Schrank, den ich gelegentlich aus Neugier öffnete und darin die abgelegte Kleidung meiner Eltern fand. Darunter ein Hemd in Altrosa, aus ägyptischer Baumwolle wie ich später erfuhr, die Manschetten und der Kragen bereits einmal gewendet. Es war das Hemd meines Vaters. Die Form des Kragens verriet seine Herkunft aus den frühen fünfziger Jahren.

 

An einem dieser Winterabende erzählte mir mein Vater auf Befragen seine Geschichte dazu. Er hatte es sich damals, wie man sagte, vom Munde abgespart. War des Sommers immer wieder am Schaufenster des Herrenausstatters vorbeigekommen um nachzuschauen, ob es noch da war, um auf ihn zu warten, bis er sich das stadtfeine Herrenhemd von seinem zurückgelegten Trinkgeld auch erlauben konnte. Es kostete einen beträchtlichen Teil seines damaligen Monatslohnes.

 

Zum Schutz der in den Auslagen dekorierten Ware hatte der Händler eine seinerzeit übliche Folie aus Zelluloid hinter die Scheibe gezogen, die anstatt der feinen Kleidung schon vergilbt und spröde geworden war. Die damals einmalig eingekaufte Kollektion einer Saison hatte noch so lange dort auszuharren, bis sie gänzlich an den Mann gebracht worden war. 

Als mein Vater das Hemd hatte, gab er es nie wieder her - wegwerfen wäre ein Sakrileg gewesen. Kleidersammlungen gab es nicht. Er konnte mir den modischen Schnitt, die Farbe, den Stoff, den Kragen und die Knopfleiste noch nach Jahren aus der Erinnerung mit Stolz in ehrfürchtigen Worten ausmalen.

 

Keiner wünscht sich heute diese Zeit zurück. Auf Mangel folgte Freude, auf Überfluss der Überdruss. Mangel und Überfluss polarisieren heute mehr als damals. Unausweichlich haben wir unsere Ressourcen zu verantworten, die menschlichen wie die materiellen. Gut ist das weltweit wachsende Einsehen, dass es anders gehen kann – nein muss. Bewusstsein ist der Wachstumsmotor unserer gemeinsamen Zukunft. Dort wo Veränderung positiv umgesetzt wird, ist die Welt voller Lösungen, voller Freude darüber wie es weiter geht und es geht immer weiter.

 

Und wie – davon erzählt das Hemd meines Vaters.  

 

Wenn ich mir für die Branche nun zu Weihnachten etwas wünschen darf, was wäre das?

 

Es ist der WERT, der diesem Hemd zuerkannt wurde, durch die menschliche Arbeit, die in ihm steckte, durch die Qualität, die es besaß und den Aufwand, den es brauchte, um es zu erwerben.

 

Es ist der SINN, sich damit als denjenigen zu zeigen, der man wirklich, wirklich sein will.

 

Es ist die SEHNSUCHT nach dem Objekt meiner Freude, das es so einzigartig macht.

 

Wenn wir es schaffen, mit der Mode von heute diese Wünsche wieder in Wirklichkeit zu verwandeln, dann bekommen wir ganz sicher auch die Glaubwürdigkeit wieder zurück, die wir ein Stückweit als Branche verloren zu scheinen haben.

 

Und da uns doch allen eine „rosafarbene“ Zukunft der Mode am Herzen liegt, sollte uns „das Hemd meines Vaters näher sein als der Rock“. Was immer Sie darunter verstehen möchten.

 

Frohe Weihnachten und ein gesegnetes Neues Jahr

wünscht Ihnen das Deutsche Mode-Institut

 

Ihr

 

Gerd Müller-Thomkins

               

 

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