Documenta 14

8-Aug-2017

Horizonterweiterung

Mein langer Spaziergang zur Documenta 14*

 

Meine Reise zur Documenta 14 in Kassel begann streng genommen an der Fashion Week in Berlin nach der Zeit-Magazin-Konferenz, diesmal betitelt „Free the Fashion“. Im „Free the Fashion“-Hipsterbeutel zur Presse-Eigenwerbung wurde die aktuelle documenta-Ausgabe der Zeitschrift Weltkunst verteilt. Darin berichten AutorInnen über den „Parcours der Profis – Wie Künstler, Sammler und Kuratoren die Documenta erkunden“ 1). Sie gingen also mit den Profis auf fünf Spaziergängen durch die vielen Orte der Documenta in Kassel und konnten deren Perspektiven auf Kunstwerke, KünstlerInnen und Documenta-Orte mit uns teilen. Diese Idee der Spaziergänge gefiel mir gut, und war auch als knappe, persönliche Kunstbetrachtung lesenswert – vor allem weil sie sich der großen Documenta-Verrisse enthielt.

 

Mein Vorhaben für das Documenta-Wochenende wurde damit inspiriert: Die Documenta an zwei Tagen spazierend zu erschließen. Spazierengehen heißt für mich mit entspanntem Tempo, ohne Zwang alles sehen zu müssen, und offen für unerwartete Begegnungen auf dem Weg. Ich möchte mir als Spaziergänger selbst ein Bild machen, und lasse mich auch am Samstagmorgen beim Online-Buchen der Tickets nicht von den Pop-Ups beeindrucken („Schlechteste Documenta“ und „Besucherrekord zur Documenta in Kassel").

 

Der lange Spaziergang beginnt am frühen Freitagabend mit dem Erlaufen der Stadt, führt über den Friedrichsplatz mit dem „Parthenon of Books“ von Marta Minujín und zum Fridericianum, das mit der Inschrift „BEINGSAFEISSCARY“ von Banu Cennetoğlu über der Säulenfassade empfängt, danach zum 16 Meter hohen Obelisken, „Das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument“ von Olu Oguibe am Königsplatz. Die perfekt gold-eingelegte Gravur des Beton-Obelisken „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ ist ein emotionaler Moment.

Beim späten Imbiss im Kebaphaus am Bebelplatz treffe ich auf Documenta-Reisende aus diversen Ländern (Portugal, USA, Indien, …), ein angenehmer erster Eindruck, der sich am Wochenende wiederholen wird.

 

Am den beiden folgenden Tagen spaziere ich über den Friedrichsplatz, durch die Documenta Halle, vorbei am Peppermint, durch die Neue Hauptpost (Neue Neue Galerie), um die Glas-Pavillons am Hansa Haus, durchs Ottoneum, zur Torwache, durchs Fridericianum, durch die Neue Galerie, durchs Stadtmuseum. In meiner Erinnerung bleibt ein impressionistisches Puzzle von Begegnung und emotionalen Momenten und politischen Botschaften, von diversen Farben unserer Welt:

Die mystisch leuchtenden Farben in den Bildern von Miriam Cahn, die Geschichte von Indigo im „Fundi" (Aufstand) von Aboubakar Foufana, die tanzenden Muster des digitalen Mosaiks „The End“ von Nikos Alexiou, eine byzantinisch strenge Opulenz im Demonsrtations-Gemälde  „Fortunately absurdity is lost (but they have hoped for much more)“ von Stelios Faitakis, das fotografische Alphabet „Skeletal Buddha“ von Moyra Davey, die rosatonigen Glasuren von Nikos Tranos’ „A Glacier at Our Table“, …

 

Vielleicht habe ich zehn der d14-Orte bei meinem Spaziergang besucht, ich möchte die Anzahl der erlebten Kunstwerke nicht beziffern. Ich bin begeistert über Entdeckungen jenseits des bekannt-sichtbaren Kunst-Kanons. Meine Empfehlung: Gehen sie spazieren zur Documenta 14! Intensives Spazierengehen ist anstrengend, aber die neuen Perspektiven und Sichtachsen belohnen für die Ausdauer.

 

Spazierengehen zur Horizonterweiterung!

 

* Documenta: Oft missverstanden als Großausstellung zeitgenössischer Kunst, die alle fünf Jahre in Kassel stattfindet. In Wirklichkeit ein ortloser, denkender Organismus, der versucht, die Welt zu verstehen, die uns umgibt. (Glossar zum Verständnis von Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der d14 – aus Weltkunst Special 03/2017 Documenta, S. 35)

 

1) aus Weltkunst Special 03/2017 Documenta (Cover)

 

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