Berlin Fashion Week

31-Jan-2017

 

Modewoche Berlin – Auftakt in eine neue Zeit?

Von Paradigmenwechsel kann wohl nicht die Rede sein. Von Veränderungen, die auf den Status der Modebranche hinweisen, schon eher. Aber auch von einer Schere, die in Punkto kreativen Eskapismus und Befüllung der Fläche mit „zuverlässigen“ Styles immer weiter auseinandergeht. Da trumpft die Modemesse Panorama mit zunehmenden Ausstellerzahlen – das Brandportfolio wächst stetig nicht nur um noch mehr Schuhe und jetzt auch noch das Segment Lingerie – während die „bekannten“ Designer des MBFW-Programms einfallsreich mit starken Statements – in spektakulären Locations – die Trends der Zeit mit ganz eigener Marken-ID inszenieren.

 

Die Fashion Week Berlin bildete vom 17.-20. Januar den Auftakt für die Mode-Trends der Saison Herbst/Winter 2017/18. Mit mehr als drei großen Messen – Panorama, Premium, Show & Order und vielen Special Interest Plattformen sowie den Designerpräsentationen der MBFW. Nicht mehr im weißen, international wettbewerbsfähigen Mercedes-Benz-Zelt am Brandenburger Tor, sondern in dem etwas heruntergekommenen Industrieloft des ehemaligen Kaufhaus Jandorf in der Brunnenstraße. Weil es eben nicht perfekt ist, wie die Designerin Lena Hoschek sagt, die am neuen Standort der MBFW eine der hochbejubelten Kollektionen zeigte. Weil es so typisch für das urbane Flair Berlins ist. Da, wo vor der Wende das Institut der Mode der DDR einquartiert war, sind jetzt die Türen geöffnet für alle Mode-Interessierten. Nicht mehr nur für Einkäufer und Medienvertreter – wie zunehmend auch Blogger. Während Einkäufern und der geladenen Presse im „me Collectors Room“ in Mitte gezielt Kollektionen präsentiert wurden, waren hier neben den Catwalks im „THE SHOP“ aktuelle Designer-Outfits zum Sofortkauf für die Öffentlichkeit erhältlich.

 

Träume leben – oder tragbar? 

Die Messen vermelden volle Hallen und auch bei den Modenschauen gab es Einlass-Stopps – nicht zuletzt wohl wegen der Statik des Veranstaltungsgebäudes. Doch „See now, buy now“  brachte nicht den erwünschten Verkaufserfolg – solange draußen SALE herrscht.  

 

Die Modebranche steckt mitten in der Krise und sucht nach neuen Wegen. Während die Insolvenzen des letzten Jahres noch immer nachwirken, haben noch nie so viele neue kleine Unternehmen auf sich aufmerksam gemacht. Die digitalen Medien machen’s möglich. Wer nicht gerade bei Zalando im Online-Programm ist, nutzt die Macht von Instagram & Co. Wer nicht gerade einen angesagten Influencer für sich werben lässt, braucht starke expressive Statements. Die Branche steht vor gewaltigen Herausforderungen:

 

Träume leben – oder tragbar? Warum scheinen hier die Wege auseinanderzugehen? Neue Muster und Offenheit für expressiven Mix UND Alltagstauglichkeit – passt das einfach nicht zusammen? Muss die Mode „funktionieren“ oder versucht man die politischen wie gesellschaftlichen Zukunftsängste weg zu romantisieren?

 

Von „Steht die Modewoche vor dem Aus?“ wie Stylebook titelte, „Berlin sieht Rot!“ – womit nicht nur die Farbe im Tagesspiegel gemeint war, bis „Berlin startet durch“, wie die Berliner Morgenpost schrieb, „es wird pompös.“

 

Streichquartett und Stadtschloss-Baustelle, Kronprinzenpalais und Volksbühne. Die Locations und Stimmungen könnten passender nicht sein. Samt und Seidenglanz, üppiger Brokat, Dekoration und viel Glitzer  – während sich auf den Catwalks Mustermix und Farbe spektakulär inszenieren, wirkt das Bild in den meisten kommerziellen Kollektionen eher zurückhaltend auf Sicherheit ausgerichtet. Zeigt sich auf aneinandergereihten Messeständern viel Grau und Blau, Schwarz und dunkle Rot- und Orangetöne – dazu Khaki, Oliv sowie hier und da ein warmer Gelbton – schreit von den Laufstegen leuchtendes Pink – von Kopf bis Fuß. Bei Hoschek wie bei Riani und auch Marc Cain. Dazu Leoprints, üppige Dekoration  und überall Samt. Und damit der „tragbarer“ wird, haben die kommerziellen Marken das elegant schimmernde Material sportiv interpretiert. Athleisure spielt im urbanen Alltag die Hauptrolle. Casual Pants oder Plisseeröcke stehen kontraststark zu Trainingsjacken aus allen möglichen Materialien – von historisierendem Brokat bis zu innovativen Hightech-Ausarbeitungen – für Everyday-Styles. Hochwertig verarbeitete Doubleface-Wollmäntel zu weiten Hosen mit sportiven Galonstreifen – überall. Military-Einflüsse nebst Camouflage – in Schwarz bei Mason’s ein Bestseller – verdeutlichen die Radikalität der Brüche mit Blümchenkleidern. Derbe Schnürstiefel unterstreichen den selbstbewussten Auftritt.

 

„Follow your dreams“ heißt das Motto bei dem angeschlagenen Unternehmen Laurèl. Es geht um Visionen und Emotionen. Heritage & High Tech. Das Besondere in der Kollektion, wie auch in vielen anderen, ist die stilistische Vielfalt: Exotische, opulente Elemente treffen auf die sportliche Coolness der Neunziger. Grunge trifft auf Barock, maskulin auf feminin, Streetwear- Einflüsse auf Romantik.

 

Die Begehrlichkeit nach trendorientierten Statement Pieces ist da, nicht nur die Einkäufer suchen danach! Mode muss nicht perfekt sein – wie die Wahl des historischen Kaufhaus Jandorf zeigt – sie muss ihre Zielgruppe treffen. Und die hat sich längst von alten Klischees verabschiedet und ist so offen wie nie. Für eine spannende Mischung unterschiedlichster Elemente für individuelle Style-Statements – funktional wie exzentrisch.

 

 

 

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