• Carl Tillessen

ZEITGEIST – #HeToo


Die Me-Too-Debatte hat selbstverständlich nicht nur unser Frauenbild, sondern auch unser Männerbild verändert. Wer will schon – bei all den abschreckenden Beispielen, die durch die Medien gegangen sind ­– noch dem Klischee des alten (oder auch jungen) weißen Mannes entsprechen? Auch Gillette fand, dass es jetzt an der Zeit sei, ihren 30 Jahre alten Slogan „The best a man can get“ in „The best men can be“ zu ändern. In einem dazugehörigen Werbespot zeigen sie, was sie damit meinen: https://www.youtube.com/watch?v=koPmuEyP3a0

Jetzt, wo man anfängt, offen über veraltete Geschlechter-Klischees zu sprechen, stellt sich sogar heraus, dass es gar nicht wenige Männer gibt, die schon lange keine Lust mehr haben, die Testosteron-getränkten Erwartungen an einen ganzen Kerl zu erfüllen. Ganz offensichtlich haben große Teile der Mode und große Teile der Werbung insgesamt, ohne es zu bemerken, den Bezug zur männlichen Zielgruppe verloren.

Die Konkurrenz-Rasierermarke Harry’s fand durch die Befragung von 5.000 amerikanischen Männern zum Beispiel heraus, dass es der überwältigenden Mehrheit der Männer wichtiger ist, ehrlich, vertrauenswürdig und zuverlässig zu sein als muskulös und athletisch.

Balenciaga S/S 18

Eine andere Umfrage des Marktforschungsinstituts CSMM offenbarte, dass sich weltweit nur 7 Prozent aller Männer von der Art, wie Männlichkeit in den Medien dargestellt wird, angesprochen fühlen. Und eine neuere Studie, die von The Book of Man in Großbritannien durchgeführt wurde, ergab, dass 69 Prozent aller Männer sich von Marken falsch dargestellt fühlen.

Die amerikanische Männermarke Bonobos lässt in ihrem Werbeclip solche Männer, die sich in überkommenen Vorstellungen von Männlichkeit nicht wiedererkennen, zu Wort kommen: https://www.youtube.com/watch?v=j6jz2Jma5-s

Die Mehrheit der Männer empfindet also die Neuordnung der Geschlechterrollen keineswegs als Bedrohung, sondern als Befreiung. Während Männer auf der einen Seite einen Teil ihrer alten Rechte verlieren, gewinnen sie nämlich auf der anderen Seite neue Rechte dazu, die bislang Frauen vorbehalten waren.

Der Schriftsteller Grayson Perry hat einige dieser Rechte in seinem Buch The Descent of Man formuliert: „Das Recht, verletzlich zu sein, schwach zu sein, falsch zu liegen, intuitiv zu sein. Das Recht, etwas nicht zu wissen, sich nicht sicher zu sein, flexibel zu sein. Und letztendlich das Recht, sich für all das nicht schämen zu müssen.“

Auch in der Mode fordern Männer zunehmend das Recht ein, auch einmal Schwäche und Sensibilität zeigen zu dürfen.

Dior Men F/S 2019

Insofern ist der Siegeszug der Pastelltöne in der Männermode (s. Post vom 16.07.2019 https://www.deutschesmodeinstitut.de/single-post/2019/07/16/ÄSTHETISCHE-SELBSTDARSTELLUNG) mehr als nur ein Farbtrend. Man kann und muss ihn als ein Statement gegen veraltete Geschlechter-Klischees verstehen. Es ist eben nicht das Gleiche, ob eine Frau Rosa trägt oder ein Mann. Eine Frau, die Rosa trägt, betont ihre Weiblichkeit. Ein Mann, der Rosa trägt, bekennt sich - bewusst oder unbewusst - zu seiner weiblichen Seite.

Das Gleiche gilt für Blumenmuster. Wenn Frauen Blumenmuster tragen, ist das ein Klassiker. Aber wenn Männer Blumenmuster tragen, ist das - bewusst oder unbewusst - ein emanzipatorischer Akt. Und der ist offenbar längst überfällig.

Dries van Noten F/S 2020, Ralph Lauren Kampagne F/S 2019

DEUTSCHES MODE-INSTITUT

© 2016 Deutsches Mode-Institut

IMPRESSUM  •  AGBs  •  DATENSCHUTZ  •  DMI NEWSLETTER  •  PRESSE  •  KONTAKT