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The City is our Farm!


Meine Mutter hat ein Haus in den Bergen. Leider konnte ich sie seit zehn Jahren nicht mehr dort besuchen. Ich hatte nichts anzuziehen.

Hätte ich etwa auf der Alm mit einem glänzenden Dior Homme-Anzug und spitzen Schuhen aus dem Auto steigen sollen? Meine Freundin im Etui-Kleid von Victoria Beckham und auf Louboutins? Oder wir beide zwischen Bauern in Nieten-besetzten Bikerjacken und knallengen schwarzen Skinny-Jeans? Nein, das wäre absurd gewesen. Unpassend bis zur Lächerlichkeit. Sowohl die Business-Mode als auch die Freizeitkleidung der letzten zehn Jahre war für die Metropole und nur für die Metropole gemacht. Der Großstadt-Bewohner war modisches Vorbild, modische Inspiration und modische Zielgruppe in einem. Alles war so urban und fast-living. Designt für ein Leben zwischen Glas und Beton. Für die aalglatte Erscheinung beim Geschäftstermin oder für den glamourösen Auftritt in der Szene. Schuhe, mit denen man nur ein paar Schritte geht, zwischen Tiefgarage und Aufzug, zwischen Taxi und Bar.

Aber das ist jetzt plötzlich vorbei. Neuerdings trägt meine Freundin im Sommer bequeme Birkenstock-Sandalen (Céline) und im Winter praktische Gummistiefel (Hunter). Die Les Tropéziennes-Sandalen und Jimmy Choo-Stiefel verstauben im Schrank. Es fehlen die Anlässe.

Im Grill Royal tragen nur noch die Escort-Service-Mädchen glitzernde Cocktail-Kleider und High Heels. Die Freundinnen meiner Freundin kommen in Holzfäller-Hemden (Vetements) und Bergstiefeln (DSquared). Sie sehen plötzlich aus, als könne man mit ihnen Pferde stehlen, oder zumindest striegeln. Und auch die Männer versuchen plötzlich nicht mehr dadurch zu beeindrucken, dass sie für alles bezahlen können, sondern dadurch, dass sie Sachen selber machen können.

Zum Beispiel Kochen. Deshalb treffen wir uns auch gar nicht mehr so oft in Restaurants, sondern eher bei irgendjemand zuhause. In den Neunziger Jahren wäre auch in den eigenen vier Wänden das Catering eines Szenerestaurants aufgefahren worden. Selber-Kochen war etwas für Verlierer. Dann, in den Nullerjahren, haben plötzlich alle Kochen gelernt. Es wurden Kochbücher verschenkt, Koch-Shows geguckt... Jetzt geht es noch einen Schritt weiter: Lag in den Nullerjahren der Focus auf der souveränen Zubereitung von Essen, liegt er jetzt, in den Zehnerjahren, auf der Reinheit der Zutaten. Man versucht sich gegenseitig in der Kenntnis und in der Beschaffung besonders unverfälschter Rohstoffe zu überbieten - handgepflückt, handgerührt, kalt gepresst, kalt geschleudert, besonders frisch oder besonders lang gelagert... Dabei sind wir auf der Suche nach dem ursprünglichen Erlebnis. Wir wollen zur Herkunft der Dinge vordringen.

Bis vor kurzem war es uns noch egal, woher unsere Hühnereier kamen. Jetzt freuen wir uns auf dem Eierkarton im Supermarkt über Namen und Adresse eines regionalen Bauernhofs. Wenn man es noch direkter will, trifft man sich zum Kaffeetrinken nicht mehr im Café sondern auf dem Wochenmarkt und kauft bei der Gelegenheit direkt vom Bauern. Man lernt den Bauern kennen und lässt sich von ihm persönlich erklären, was man da genau kauft. Oder wir machen gleich einen gemeinsamen Ausflug aufs Land und bezahlen dem Bauern einen Aufpreis dafür unseren Spargel selbst stechen, unsere Erdbeeren selbst pflücken und unsere Kartoffeln selbst sammeln zu dürfen. Die Bauern – wir versuchen, uns mit ihnen gut zu stellen, weil sie an der Quelle sitzen. Bis vor kurzem haben wir noch beim „Bauer-sucht-Frau“-Gucken über sie gelacht. Jetzt kommen sie hier her und nehmen uns unsere Frauen weg.

Aber die städtische Konkurrenz schläft nicht: Auf den Balkons meiner Kumpels werden die Zierpflanzen nach und nach von Nutzpflanzen verdrängt. Und sie überraschen die Weiblichkeit mit einer Pasta-Sauce aus eigenen Kräutern und eigenen Kirschtomaten. Das kommt an.

Wer über einen eigenen Garten verfügt, hat natürlich noch ganz andere Möglichkeiten. Er kann zum Beispiel mit einem mobilen Starter-Set in die Hühnerhaltung einsteigen und mit eigenen Eiern aus Freilandhaltung auftrumpfen.

Promis mit Geltungsdrang kaufen sich nicht mehr eine Yacht oder einen Fußballverein. Sie kaufen sich ein Weingut in Frankreich oder einen Olivenhain in Italien. Ja, eigener Wein und eigenes Olivenöl – das ist es.

Mitten in Hamburg haben die beiden Neu-Imkerinnen, Ann und Julia Böning, auf dem Dach ihrer Agentur Bienenvölker angesiedelt. Sie nennen sich die „Golden Girls“ und haben einen echten Hype um ihren selbstgeschleuderten Innenstadt-Honig geschaffen. Die begrenzte saisonale Ausbeute ist immer sofort ausverkauft.

Alles was bis vor kurzem noch als Schrebergarten-Spießigkeit belächelt worden wäre, heißt jetzt Urban Gardening und ist richtig cool. Für die, die es noch krasser wollen, gibt es Guerilla Gardening. Nachts illegal Gemüse setzen ist das neue Graffiti-bombing.

Der derzeit heißeste Geheimtipp der Berliner Clubszene heißt „InFarm“. Er befindet sich – selbstverständlich ohne Hinweisschild – in einem Loft auf einem Kreuzberger Hinterhof; dort wo früher der legendär-verruchte KitKatClub war. Doch im Gegensatz zum KitKatClub finden dort keine Partys statt auf denen unaussprechliche Dinge geschehen. Stattdessen veranstaltet Infarm höchst exklusive Verköstigungen von vor Ort angebauten Lebensmitteln. Und „vor Ort“ heißt tatsächlich „im selben Raum“. Mit einem ausgeklügelten Beleuchtungs- und Bewässerungssystem bringt das Kollektiv aus Pflanzenwissenschaftlern, Robotic-Spezialisten, Architekten, Industrie-Designern, Computer-Freaks und Köchen in geschlossenen Räumen ganzjährig frisches Gemüse und frische Kräuter zum Gedeihen und Schmecken. Unter dem Slogan „We are the new farmers and the city is our farm“ wollen sie den Beweis antreten, dass Landwirtschaft kein Land braucht. Sie entwickeln die Vision von einer Zukunft, in der die Lebensmittel direkt dort hergestellt werden, wo die Menschen sie konsumieren, nämlich in den Städten.

Wir wollen ja auch gar nicht alle aufs Land ziehen. Wir wollen weiter in der Stadt leben, am Puls der Zeit. Wir wollen, dass das Land zu uns kommt. „The city is our farm.“ Wir wollen Bodenhaftung haben, Erdverbundenheit, Stallgeruch... Es geht uns um die Verbindung zum Ursprung der Dinge die wir brauchen. Wir wollen einen eigenen Zugang zur Quelle haben. Dort wo das Wasser noch frisch und klar und kühl ist.

Unsere Sehnsucht, das Stadtleben mit dem Landleben zu verbinden, findet auch in der Mode ihren Ausdruck. Ein junges und schnell expandierendes Label heißt zum Beispiel bezeichnenderweise „Farmers Market“. Das smarte Designer-Paar aus der Reykjaviker Musikszene beschreibt sein Konzept wie folgt: „Wir positionieren uns an einer Verbindungsstelle. Einem Ort an dem Tradition auf Moderne, das Nationale auf das Internationale und das Land auf die Stadt trifft. Wir finden, dass es spannend ist, dieses Gebiet zu erkunden... Die Kleidung ist passend für ein breites Spektrum von Anlässen, sowohl Freiluft-Aktivitäten als auch Stadtleben.“ Der Text stammt wohlgemerkt nicht aus dem Katalog eines Trachten-Herstellers sondern von der Homepage eines jungen Trend-Labels.

Apropos Trachten: Es ist noch gar nicht so lange her, da war „aufs Oktoberfest gehen“ so cool wie „Musikantenstadl gucken“. Aber neuerdings überraschen mich Freunde aus Berlin, Hamburg und Frankfurt mit vollkommen Ironie-freien Dirndl- und Lederhosen-Selfies.

Jedenfalls verdanken Marken wie „Farmers Market“ und „Hansen“ ihren Erfolg keineswegs den Bewohnern bayrischer Kleinstädte. Vielmehr wenden sie sich an die Rustikal-Hipster und Country-Lohas in den Metropolen dieser Welt und treffen damit genau den Nerv der Zeit.

Ich für meinen Teil kann es jedenfalls kaum erwarten, das kratzige Tweed-Sakko von Lemaire (Tweed bei Lemaire!), die derbe Lammfelljacke von Burberry und die bollerige Kordhose von East Harbour Surplus zu tragen. Meine Freundin freut sich auf das Tweed-Kostüm von Saint-Laurent (Tweed bei Saint Laurent!!), den Tweed-Anzug von Balenciaga (Tweed bei Balenciaga!!!), den Zopfstrick von Dries van Noten, die Schottenkaros von Marni...

Und meine Mutter freut sich darauf, dass wir sie endlich einmal wieder besuchen kommen.

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